Mut, sich selbst zu sein

Vom Moment an, als ich den Spagat wagte, Eremitin und ‚öffentliche Person‘ in mir zu vereinen, bekam ich zu hören, wie die Einsiedlerin zu leben hat; ich staunte, wie viele Profis es auf diesem Gebiet gibt - auch solche, die selber noch keinen einzigen Tag in einer Klause lebten oder ein Gebetsleben pflegen.

Was heisst, „richtige“ Einsiedlerin zu sein?

Zuerst einmal bedeutet es, „richtig“ Mensch zu sein. Ich kann eine Rolle spielen: „Einsiedlerin“ im „Freilichtmuseum St. Verena“, oder ich kann als „echter“ Mensch „richtig“ und authentisch in der Klause leben und den Menschen aufrichtig und transparent begegnen und so dazu beitragen, das St. Verena ein Glaubensort bleibt!

Es bedeutet nicht, einem Klischee (!) zu entsprechen, sondern zutiefst der Mensch zu werden und zu sein, als der ich von unserem Schöpfer gemeint bin. „Was nützt es, wenn ein Mensch die ganze Welt gewinnt, dabei aber seine Seele Schaden nimmt!?“, so steht in der Bibel geschrieben. Was hilft es, wenn ich die perfekte Einsiedlerin der Verenaschlucht „gebe“, aber mich selber verliere? Unecht und damit heuchlerisch würde?

Ich nehme Rücksprache mit Geistlichen. Reflektiere über meinen Weg. Bewege kritische Aussagen in meinem Herzen. Ich spüre, wie sehr in meinem Inneren eine Wanderpredigerin lebt: meine erste Berufung ist, Gott zu lieben und in der Zwiesprache mit ihm durch mein Leben zu gehen – ein Leben des Gebets! Das Leben im ‚Ein-Frau-Kloster‘ ist das ‚Gefäss‘, darin ich vor Gott lebe und meine Berufung zum Gebet umsetze.

In jede Berufung legt Gott die Gaben seines Heiligen Geistes, sog. Charismen. Mir wurde eine Gabe ins Herz gelegt, nach draussen zu gehen und zu erzählen, dass Gott ein Gnädiger, Barmherziger und Liebender sei! Einer, der die Menschen ruft und die Unfähigen (wie mich) befähigt und aussendet. „Verkündet das Evangelium zur rechten Zeit oder zur Unzeit“, so lesen wir im zweiten, neuen Testament; und notfalls eben mit Worten.

So hat jeder Mensch seine Veranlagung, seine Gaben, seine Vorlieben und seine Berufung, wozu er geschaffen worden ist. Glücklich werden wir dort, wo wir uns selber entdecken, Selbst-bewusst uns sein können, uns entfalten dürfen. Ein lebenslanger Prozess, denke ich.

Wie viele Priester und Ordensleute „fallen“, weil sie dem Klischee und den Vorstellungen der Menschen zu entsprechen versuchen und so den Draht zu Gott – und damit auch zu sich selber – verlieren!?

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