Alles hat seine Zeit

Draussen ist es dunkel, es ist neblig, feuchtkalt – November, eben. Ich sitze an meinem runden Tisch in der Klause vor meinem Laptop und mache mir Gedanken zum Thema „Zeit“. Dazu rennt Timotheus, genannt Timmy, der Einsiedelei-Hund, von einem Schlafplatz zum andern und hat schrecklich viel zu tun mit seinem Spielzeug und den Kauknochen - es klingt, als würde jemand unser kleines Häuschen umbauen.

Das Telefon summt, eine meiner Töchter will wissen, wie es mit dem kleinen Hundebuben geht. Wir lachen über seine Streiche und gehen zu ernsteren Themen über. Ich erzähle ihr von meinen „Zeitgedanken“; es interessiert mich, was sie mit „Zeit“ assoziiert – spontan antwortet sie: Endzeit. Du meine Güte, lache ich, du bist wohl in Novemberstimmung, lasse mich aber auf das Thema ein, weil mir bewusst wird, wie viele Menschen mich, gerade in den letzten Wochen, auf die schrecklichen Ereignisse im Weltgeschehen angesprochen haben, oder Schlimmes aus ihrer näheren Umgebung erzählten. „Warum lässt Gott dies zu?“ ist die Frage, die uns oft sofort bedrängt in fremder oder eigener Not.

Die Theodizee-Frage: „Warum lässt Gott Leiden zu?“ Ich weiss es nicht und denke, es gibt hier in unserem Erdenleben keine Antwort darauf. Aber was ich weiss und zutiefst erfahre ist, dass Gott mit uns durch JEDES Leiden hindurch geht; Er, der am Kreuz sein Leben gelassen hat, lehrt uns mit dem Zulassen dieses Geschehens, dass gerade in unserer Ohnmacht, in der Not, im Leiden, der Qual, der Angst, dem Empfinden von Gottverlassenheit, in unserer menschlichen Zerbrechlichkeit und Schwäche, Gott mächtig handeln und neues Leben, einen neuen Anfang schenken wird.

Wie im Galaterbrief geschrieben steht: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (Gal 2,20) Dort, wo ich meiner Ohnmacht bewusst bin, sie Gott hinhalte und Ihn wirken lasse, werde ich erfahren, dass „...denen, die Gott lieben, ALLE Dinge zum Besten dienen.“ (Römerbrief 8,28) Sei es mein grosser Schmerz, sei es ein Verlust durch Tod oder Verlassen werden, geschäftlicher Konkurs, Krankheit – Er lässt uns nicht im Stich, Er lässt uns nicht allein, wir erfahren Seine Fürsorge und Barmherzigkeit, Seine grosse und überfliessende Liebe. So, wie Christus uns vorgelebt hat am Kreuz – sich hingeben, die Gefühle zulassen, den Zweifel an Gott und den Schmerz hinausschreien, die Angst in Worte fassen …und die Auferstehung, den Neubeginn, das neue Leben erwarten und …erfahren.

„Zum Besten dienen“ will nicht heissen, dass das, was mir widerfahren ist, von Gott gutgeheissen wird – aber Er führt und leitet mich dorthin, wo ich daran wachse und nicht zerbreche. Er gibt mir während des ganzen Weges die nötige Kraft und Stärke – und manchmal, im tiefsten Schmerz, eine noch viel tiefere Freude, die nicht in Worte zu fassen, nicht zu erklären ist. Dort wird Begegnung  mit dem Göttlichen, mit Gott selber möglich. Dort ist Er und erwartet uns, wie der Vater den verlorenen Sohn erwartete und bei dessen Heimkehr ein grosses Fest veranstaltet hat – ohne zu richten, zu verurteilen, zu hadern – nur grosse Wiedersehensfreude!

Sein Bei-uns-sein in Not und Elend ist für uns doch so oft nicht spürbar, lange Momente nicht erfahrbar. Trotzdem ist Er da. Ich denke daran, wie Jesus am Kreuz laut gerufen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!?“ Er ist auch durch diese tiefe und beängstigende Erfahrung der Gottverlassenheit hindurchgegangen; so ist mir in Tagen der Angst und Not bewusst geworden, dass ich auch darin nicht allein gelassen bin: Er selber ist diesen Weg gegangen. Er hat ihn für mich geebnet, ich kann von Seinem Gang lernen, mich von Ihm durch meine Gottverlassenheit hindurch tragen lassen - tragen lassen in der christlichen Hoffnung und Zuversicht, Er WIRD Veränderung schaffen, zum Besten hin! Das Beste? Ihn zu kennen, den Gott der wahrhaftigen Liebe und Barmherzigkeit; diese Liebe und Barmherzigkeit zu empfangen und weiterzugeben an unsere Mitmenschen …und erleben, wie Er mein Leben zu Fülle und Erfüllung führt, mir meine tiefsten Wünsche erfüllt!

Kohelet 3, 1-8: „Alles hat seine Zeit. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreissen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz.; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steine sammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreissen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.“

Alles hat seine Zeit.

Publiziert in der Infozeitschrift "SOLOTHURNER BÜRGER" 2014/4
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